Werkzeug der Woche #5. Fünf bis zehn Minuten, Lieblingsfarben, acht selbst formulierte Fragen. Aus Folge 1 des Podcasts „Radical Self-Leadership to go” mit Gesa Lischka, Inhaberin und Mitgeschäftsführerin der Agentur Kochstraße.
Warum gekaufte Journals im Regal landen
Fast jede Führungskraft, die ich kenne, hat schon mal eine Morgenroutine angefangen. Die wenigsten haben eine. Das Muster ist immer dasselbe: im Januar ein Journal mit vorgedruckten Feldern, im Februar noch drei Einträge pro Woche, im März liegt es im Regal.
Die übliche Erklärung heißt Disziplin. Gesa Lischka hat im Podcast eine bessere geliefert. Sie hat es nämlich zuerst genauso gemacht:
„Ich habe erst mit standardisierten Journals gearbeitet und habe gemerkt, es passt nicht richtig für mich, weil meine Themen nicht präsent genug waren oder Themen drin standen, die ich nicht so relevant fand.”
Ein gekauftes Journal stellt die Fragen von jemand anderem. Man beantwortet sie höflich, ein paar Wochen lang, und merkt irgendwann, dass man einen Fragebogen ausfüllt statt nachzudenken. Was sich nach Pflichtübung anfühlt, verliert gegen den Kalender — immer.
Gesas Konsequenz: Sie hat sich ihr Journal selbst geschrieben, die Fragen selbst zusammengestellt und es in ihren Lieblingsfarben drucken lassen. Angefangen hat sie damit vor Corona. Sie macht es bis heute.
Wie das Ritual konkret aussieht
Gesa führt eine Agentur mit knapp 80 Mitarbeitenden und hat drei Kinder. Ihr Morgen ist nicht ruhiger als deiner. Trotzdem hält das Ritual seit Jahren — und zwar in dieser Form:
Der Ort ist fest. Es ist eine Schreibtischroutine. Sie macht sie, wenn sie ins Büro kommt, bevor der Joballtag startet. Nicht zu Hause, nicht unterwegs.
Die Zeit ist kurz. Das Journal selbst: maximal fünf Minuten, „weil viele Sachen sich so ein bisschen wiederholen”. Danach schreibt sie ihre konkreten To-Dos auf und sortiert sie nach „sofort” und „später”. Zusammen etwa zehn Minuten. Dann beginnt der Tag.
Die Fragen bleiben gleich. Das ist der eigentliche Hebel. Dieselben acht Fragen über Jahre machen Veränderung sichtbar, die man im Alltag nicht bemerkt.
Gesas acht Fragen
Sie hat sie im Podcast vollständig geteilt — mit einer Vorwarnung: „Das wird jetzt ein bisschen Gesa-speziell.” Gesa ist gläubig, zwei der Fragen kommen aus ihrem Glauben. Sie stehen hier bewusst mit drin, denn sie sind das beste Argument für dieses Werkzeug.
- Heute wähle ich folgende Zusage Gottes an mich.
- Was gibt mir Energie für heute?
- Ich möchte mich heute … fühlen, also werde ich Folgendes tun.
- Dieser Person diene ich heute, indem ich Folgendes tue.
- Eine Aktion, mit der ich Mehrwert schaffe oder mich aus meiner Komfortzone bewege.
- Welche großen Projekte will ich nicht aus den Augen verlieren, selbst wenn ich heute nichts zur Umsetzung beisteuern kann?
- Welchen kleinen Schritt kann ich heute in Richtung Ziel tun?
- Mein Gebet für heute.
Bemerkenswert ist die Mischung. Frage 2 und 3 sind Zustandsfragen — sie zwingen zu einer ehrlichen Standortbestimmung, bevor der Tag darüber hinweggeht. Frage 4 ist eine Führungsfrage: Wem diene ich heute, konkret, mit welcher Handlung? Frage 6 ist die Versicherung gegen den Alltag — sie hält die großen Themen im Blick, auch an Tagen, an denen dafür nichts passiert. Und Frage 7 ist der kleinste denkbare Fortschritt: ein Schritt, jeden Tag.
Dass Gesa das Ganze nicht als Leistungsprotokoll führt, zeigen ihre eigenen Beispiele: Manchmal steht bei ihr schlicht „nix” drin. Und bei „Wem diene ich heute?” auch mal: „Heute mir.”
Warum du diese Fragen nicht übernehmen sollst
Es ist verlockend, die Liste oben abzuschreiben. Tu es nicht — außer die Fragen sind zufällig auch deine.
Der Wirkmechanismus dieses Werkzeugs ist nicht der Fragenkatalog, sondern seine Passung. Ken Gerlachs Jahres-Wand funktioniert, weil es seine sechs Lebensbereiche sind. Nico Wohlgemuths Sonntagsplanung funktioniert, weil er selbst entschieden hat, dass 30 Minuten reichen. Gesas Journal funktioniert, weil zwei Glaubensfragen drinstehen, die für sie tragend sind und für die meisten anderen Menschen nichts wären.
Wer ein fremdes System eins zu eins übernimmt, übernimmt auch die Entscheidungen, die jemand anders für sein Leben getroffen hat. Der Rahmen ist übertragbar. Der Inhalt nie.
Nimm dir also einmalig zwanzig Minuten — das ist die eigentliche Arbeit an diesem Werkzeug — und formuliere fünf bis acht eigene Fragen. Gesas Liste taugt dabei gut als Raster: ein bis zwei Fragen zum Zustand (Energie, Gefühl), zwei bis drei zur Auswahl (heute, kleiner Schritt, große Projekte), ein bis zwei zur Haltung (wem diene ich, wofür stehe ich). Schreib sie in deiner Sprache auf, auch wenn sie unelegant klingen. Eine Frage, die sich fremd anfühlt, beantwortest du nicht ehrlich.
Wenn du für die Auswahl-Fragen eine größere Landkarte brauchst — Rollen, Werte, Lebensbereiche —, ist der rADAR-Canvas der passende Vorbau. Erst der Canvas, dann die Fragen.
Ästhetik ist kein Luxus, sondern Mechanik
Der Teil, über den in Produktivitäts-Kontexten selten gesprochen wird, ist der wirksamste:
„Ich muss mich da so ein bisschen selbst überlisten. Für mich ist immer wichtig: Das Papier, auf dem ich schreibe, muss sich schön anfühlen. … Ich habe es so gemacht, dass es mir auch Freude macht, jeden Tag das aufzuschlagen. Sonst würde ich es nicht machen.”
Das klingt weich. Es ist Verhaltensdesign. Ein Ritual, das mit einem angenehmen Reiz beginnt — die Farbe, das Papier, der Stift —, braucht weniger Willenskraft als eines, das mit einem grauen Formular beginnt. Du verhandelst morgens nicht mehr mit dir, ob es sich lohnt. Du greifst nach etwas, das du gern anfasst.
Gesa führt inzwischen eine ganze Farbskala im Regal; ein neues Journal muss farblich in die Reihe passen. Was nach Spielerei aussieht, ist der Grund, warum das Ritual die Jahre überlebt hat.
Dasselbe Prinzip steckt hinter Marc Roulets Bücherwand im Blickfeld statt im Rücken: Die Umgebung erledigt einen Teil der Selbstführung, damit du deine Energie nicht dafür ausgibst.
Der Ort darf das Ritual begrenzen
Ein Detail, das die meisten Ratgeber falsch machen: Gesas Journal ist an ihren Schreibtisch gebunden. Auf Konferenzen nimmt sie es nicht mit — „das schleppe ich jetzt nicht mit, dann mache ich das nicht”. Danach setzt sie nahtlos wieder auf.
Das ist keine Schwäche des Rituals, sondern seine Stabilität. Ein Ritual, das überall funktionieren soll, funktioniert am Ende nirgends richtig. Eines, das an einen Ort gekoppelt ist, wird von diesem Ort ausgelöst — du musst dich nicht jeden Morgen neu daran erinnern.
Und für alle, die an der abgerissenen Serie scheitern: Solange mehr Tage mit als ohne zusammenkommen, ist die Bilanz positiv. Ein Morgenjournal ist keine Kette, die reißt.
Wo das Werkzeug im Zyklus sitzt
Das Morgenjournal ist Phase Auswählen im rADAR-Modell — auf der kleinsten Zoomstufe.
Der 14-Tage-Herzschlag setzt die Ziele. Die Sonntagsplanung verteilt sie auf die Woche. Der knallhart geblockte Kalender verteidigt sie gegen die Erwartungen anderer. Das Morgenjournal entscheidet den einzelnen Tag — bevor das erste Meeting die Entscheidung für dich trifft.
Und wenn der Tag trotzdem kippt, ist Heicos Atemtechnik die Ebene darunter: die Regulation im Moment selbst.
Vier Werkzeuge, vier Maßstäbe — vom Zyklus bis zum Atemzug.
Der 14-Tage-Selbstversuch
Tag 0 (Vorbereitung, 20 Minuten): Besorg dir ein Heft, das dir gefällt — nicht das nächstbeste. Formuliere fünf bis acht eigene Fragen und schreib sie auf die erste Seite. Leg Heft und Stift an einen festen Ort: den Schreibtisch, an dem du morgens sowieso landest.
Tag 1–7: Jeden Arbeitsmorgen an diesem Ort fünf Minuten, bevor das erste Programm aufgeht. Kurze Antworten, keine ganzen Sätze nötig. Danach zwei Minuten To-Dos: Was muss sofort passieren, was kann warten? Bist du nicht an diesem Ort, fällt es aus — ohne Nachholen.
Tag 7 (Zwischenstopp): Lies die ersten Einträge am Stück. Welche Frage hast du jedes Mal gern beantwortet? Welche hast du übersprungen oder mit demselben Wort abgehakt? Tausch die tote Frage aus. Genau dafür ist das Journal deins.
Tag 8–13: Zweite Runde mit den korrigierten Fragen. Ab jetzt zusätzlich: Markiere abends mit einem Haken, ob der „kleine Schritt Richtung Ziel” vom Morgen tatsächlich stattgefunden hat.
Tag 14 (Bilanz): Zähl die Haken. Die Zahl ist interessanter als jedes Gefühl. Fehlt mehr als die Hälfte, ist nicht dein Journal das Problem, sondern deine Tagesauswahl — dann ist die Sonntagsplanung dein nächstes Werkzeug.
Erwarte nach zwei Wochen kein neues Leben. Erwarte eine Beobachtung: dass du an Journal-Tagen anders in den ersten Termin gehst als an den anderen.
Wo das hinpasst
Im RSL-Workshop „Intensiv” formulieren die Teilnehmenden ihre eigenen Reflexionsfragen — und merken dabei regelmäßig, dass die Fragen, die sie zuerst aufschreiben, die Fragen ihres Arbeitgebers sind und nicht ihre eigenen. Das auseinanderzusortieren ist die halbe Miete.
Gesa im Original hörst du in Folge 1 auf der Podcast-Seite. Sie spricht dort auch darüber, wie sie sich in Team-Retros aktiv Feedback holt — und sagt einen Satz, den Führungskräfte selten öffentlich sagen: Auf die Frage, wie sie das alles schaffe, antwortet sie „gar nicht”. Sie sei in allen Lebensbereichen auf Hilfe angewiesen.
Und wenn du kein Werkzeug verpassen willst: Jeden Dienstag kommt ein neues, alle gesammelt unter Werkzeug der Woche.